Sophie von Loeben spricht über klimaresiliente Kaffeearten, faire Wertschöpfungsketten und die Zukunft einer der wichtigsten Kulturpflanzen der Welt.
Der Klimawandel stellt den Kaffeeanbau weltweit vor enorme Herausforderungen. Gleichzeitig entstehen jedoch auch neue Ansätze, um die Zukunft des Kaffees zu sichern. Eine der Personen, die darüber forschen und arbeiten, ist Sophie von Loeben. Die Agrarökonomin hat gemeinsam mit Charlotte Schmidt das Unternehmen HyCoffee gegründet und setzt sich für klimaresiliente Kaffeearten sowie nachhaltige Wertschöpfungsketten ein. Im Interview spricht sie über die Chancen alternativer Kaffeearten, notwendige Anpassungen im Anbau und darüber, was Konsumenten selbst zu einer fairen Zukunft des Kaffees beitragen können.
Sie beschäftigen sich intensiv mit Kaffee in Zusammenhang mit dem Klimawandel und klimaresilienten Kaffeearten. Was hat Sie persönlich und wissenschaftlich zu diesem Thema geführt – und warum ist es gerade jetzt so relevant?
Ich habe mehrere Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit gearbeitet und dabei gesehen, wie stark der Klimawandel die Landwirtschaft bereits trifft und wie sehr Investitionen in Anpassungsmaßnahmen fehlen. Kaffee ist besonders betroffen: Klimaprojektionen zeigen, dass die für Kaffeeanbau geeignete Fläche bis 2050 um die Hälfte schrumpfen wird. Wir müssen also jetzt handeln, um auch künftig verlässliche Lieferketten zu sichern. Gerade in globalen Wertschöpfungsketten wie Kaffee sehe ich dabei eine riesige Chance: Hier treffen multinationale Unternehmen auf Kleinbauer, Klimarisiken auf wirtschaftliche Interessen. Genau das macht Kaffee zu einem wichtigen Hebel, um wirklich etwas zu bewegen.
Mit HyCoffee erforschen, entwickeln und liefern Sie klimaresilienten Rohkaffee und arbeiten mit Produzenten, Röstereien und Wissenschaft zusammen, um seltene, widerstandsfähigere Kaffeearten wie z. B. Excelsa in die Wertschöpfungskette und auf den Markt zu bringen. Wie würden Sie diese Kaffeeart erklären – geschmacklich, agronomisch und im Vergleich zu Arabica und Robusta?
Excelsa (coffea dewevrei) ist eine von rund 133 bekannten Kaffeearten neben den beiden bekanntesten, arabica und canephora. Äußerlich unterscheidet sich excelsa stark: Die Bäume werden bis zu 20 Meter hoch, wachsen einzelstämmig und tragen außergewöhnlich große Blätter sowie große Kirschen. Geschmacklich zeichnet sich excelsa durch eine hohe natürliche Süße aus. Zudem enthalten excelsa-Bohnen weniger Koffein als arabica und canephora.
Agronomisch ist excelsa besonders widerstandsfähig gegenüber Trockenheit, Hitze und Krankheiten, was die Kaffeeart zu einer spannenden Klimaanpassungsstrategie macht. In Uganda wird excelsa vor allem in heißen, trockenen Gegenden angebaut, meist gemeinsam mit Robusta. Landwirte vor Ort schätzen excelsa wegen der hohen Ernten, Robustheit und dem anderen Erntezeitpunkt, der gerade dann Einkommen bringt, wenn Schulgelder bezahlt werden müssen.
Welche Missverständnisse gibt es rund um klimaresilienten Kaffee? Geht es dabei um Ersatz, Ergänzung oder um eine neue Vielfalt in der Tasse?
Ein weit verbreitetes Missverständnis ist, Klimaanpassung sei ein „nice to have”. Dabei müssen wir jetzt investieren, damit Landwirte auch morgen noch vom Kaffeeanbau leben können. Erst das macht fairen Kaffee wirklich fair.
Alternative Kaffeearten wie Excelsa bringen eine neue Vielfalt in den Markt und können helfen, Ernteverluste abzufedern. Gleichzeitig braucht es weitere Anpassungsstrategien wie klimaresiliente Anbausysteme, etwa Agroforst oder regenerative Landwirtschaft, sowie klimaresiliente Züchtung. Dafür braucht es alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette. Risiken und Anpassungskosten können nicht in die Anbauländer ausgelagert werden.
Sie arbeiten an der Schnittstelle von Forschung, Produzenten und Markt. Wo sehen Sie aktuell die größte Herausforderung: im Anbau, in der Qualität, im Handel oder in der Akzeptanz bei Konsumenten?
Zu Beginn lag die größte Herausforderung, zumindest bei Excelsa, ganz klar in der Qualität. Da es keine Nachfrage gab, wurde der Kaffee nicht richtig verarbeitet und mit minderwertigem Kaffee vermischt. Mit HyCoffee haben wir deshalb auch in die Qualitätsverbesserung investiert. Dabei haben wir eng mit der Forschung zusammengearbeitet und auch viel experimentiert, denn bislang gibt es kaum Wissen und keine etablierten Qualitätsprotokolle für excelsa.
Genauso wichtig war es, überhaupt erst eine Nachfrage zu schaffen. Das Interesse von Röstereien und Kunden an diesem „neuen” Kaffee ist inzwischen groß, auch wenn sich manche noch scheuen, ein neues Produkt mit ungewohntem Geschmack auf den Markt zu bringen. Mit immer mehr mutigen, experimentierfreudigen Röstereien an unserer Seite können wir unsere Arbeit in Uganda aber mittlerweile skalieren und die Qualität stetig verbessern.
Was können Kaffeetrinker selbst beitragen, damit Kaffee auch in Zukunft nachhaltig, fair und verfügbar bleibt?
Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Röstereien, die sich intensiv mit den Bedingungen in den Anbaugebieten auseinandersetzen, aus denen sie ihren Kaffee beziehen, und die sehr genau darauf achten, mit welchen Handelspartnern sie zusammenarbeiten. Wir empfehlen daher, das Gespräch mit der eigenen Lieblingsrösterei zu suchen: Woher kommt der Kaffee? Wie viel davon kommt tatsächlich bei den Landwirten an? Wer sich diese Fragen stellt und gezielt bei Röstereien kauft, die transparent und verantwortungsvoll einkaufen, leistet schon einen wichtigen Beitrag zu einer fairen Zukunft des Kaffees.
HyCoffee ist beim Vienna Coffee Festival am 11.09. und 12.09.2026 auf der Open Stage zu Gast und gibt dort Einblicke in ihre Forschung sowie in die Zukunft klimaresilienter Kaffeearten.
Über Sophie von Loeben
Sophie von Loeben hat gemeinsam mit Charlotte Schmidt HyCoffee gegründet, ein wissenschaftlich fundiertes Importunternehmen für klimaresilienten Spezialitätenrohkaffee. HyCoffee setzt auf alternative Kaffeearten wie Excelsa, gezielte Züchtungen und nachhaltige Anbausysteme, um die Kaffeeproduktion an den Klimawandel anzupassen und langfristig zu sichern. Sophie ist Agrarökonomin und forscht zu Klimaanpassung von Kaffeewertschöpfungsketten.
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