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Atil Kutoğlu verbindet westliche Klarheit mit orientalischer Sinnlichkeit. Der Modemacher über seine Anfänge in Istanbul, Lernjahre in New York und warum Wien zur Heimat geworden ist.

Er pendelt zwischen Metropolen und Modemetiers – und ist doch seit Jahren eng mit Wien verbunden: Im Gespräch erzählt Atil Kutoglu, wie ihn Stationen wie Istanbul und New York geprägt haben, warum internationale Perspektive und lokale Verankerung kein Widerspruch sind und weshalb Eleganz für ihn mehr ist als ein ästhetisches Konzept.

Herr Kutoğlu, erinnern Sie sich noch an das erste Kleidungsstück, das Sie selbst entworfen haben?
Nicht an ein einzelnes. Aber ich habe schon auf dem Deutschen Gymnasium in Istanbul viele Entwürfe gemacht. Irgendwann baten mich Mitschülerinnen, für Sie etwas zu designen. Ich erinnere mich, dass ich damals bunte, geometrische Outfits mit Streifen entworfen habe – sehr verspielt und farbenfroh.

War Ihnen schon in der Schule klar, dass Sie Modedesigner werden wollen?
Ja, das war mir schnell bewusst. Neben der Schule arbeitete ich bei Vakko, einem der führenden Modeunternehmen der Türkei, das in den 1980ern stark international vernetzt war. Es gab viele Verbindungen nach Paris und Mailand. 

Sie haben sich dennoch für ein Wirtschaftsstudium in Wien entschieden, anstatt Modedesign zu studieren?
Ich wollte etwas Solides studieren. Mode war meine Leidenschaft, aber ich dachte, ein wirtschaftliches Fundament könne nicht schaden – schließlich gehört zum Modemachen auch, dass man etwas von wirtschaftlichen Prozessen versteht. An der WU in Wien habe ich dann nach Wegen gesucht, beides zu verbinden.

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Randy Brooke, Peter Kramer, Barbara Nidetzky ©
Catwalk-Moments: Designer Atil Kutoğlu und Topmodel Naomi Campbell während der Olympus Fashion Week 2005 in New York City.

Und dabei hat Ihnen der damalige Wiener Bürgermeister, Helmut Zilk, geholfen, richtig?
Ja, das war ein Schlüsselmoment meiner Karriere! Ich habe ihn zufällig getroffen, sprach ihn an und bat um Unterstützung. Darauf erhielt ich eine Starthilfe der Stadt Wien. Damit organisierte ich meine erste große Modenschau an der WU, die für viel Aufmerksamkeit sorgte.

Hat Sie Wien mit offenen Armen empfangen?
Absolut! Ich habe hier von Anfang an viel Unterstützung erfahren – von Lehrern, Kommilitonen, Nachbarn. Ich hatte Mut und Leidenschaft, etwas zu bewegen, und das hat die Menschen wohl positiv gestimmt. Mein Hintergrund brachte einen anderen Blick auf Materialien und Farben, und das hat interessiert. Wien ist zwar nicht unbedingt eine Modestadt, aber die Stadt hat eine große künstlerische Tradition – denken Sie an die Wiener Werkstätte oder an Adolf Loos. Davon profitiert man als Designer natürlich.

Trotzdem gingen Sie 1993 nach Amerika – warum dieser Schritt?
Internationale Anerkennung geht oft mit Erfolg in den USA einher. Ich war einer von acht österreichischen Designern, deren Präsentation in New York von der österreichischen Wirtschaftskammer unterstützt wurde. Meine Entwürfe kamen gut an – diese Verbindung von Ost und West, die Farbenvielfalt, meine besonderen Materialien.

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Atil Kutoglu ©

Sie haben dann rund zehn Jahre in New York gearbeitet und auch auf der Fashion Week gezeigt. Eine komplett andere Perspektive, oder?
New York ist die Hauptstadt der Medien. Dort habe ich gelernt, dass Mode nur dann Sinn hat, wenn sie getragen wird – und nicht nur Kunstobjekt ist. Ich wollte immer tragbare, elegante Mode schaffen, die zum Leben der Menschen passt. In Österreich hatte ich aber immer meine Basis, meine Unterstützer. Österreich war und ist mein Zuhause.

Es erstaunt, dass Sie über all die Jahre hinweg unabhängig geblieben sind. Wie haben Sie das geschafft?
Ich habe in der Tat nie eine große Maschinerie hinter mir gehabt. Ich hatte zeitweise Sponsoren, aber nie jemanden, der mich komplett finanziell unterstützt hat oder meine Marke aufgekauft hätte. Das hat Vor- und Nachteile. Wenn ein Gigant hinter einem Designer steht, kann der Erfolg natürlich schneller kommen, aber er kann auch schnell wieder vorbei sein. Wenn die Verkaufszahlen zum Beispiel nicht gefallen, kann die Marke auch komplett geschlossen werden. 

War es ein strategischer Vorteil, dass Sie von Beginn an in der Türkei produziert haben?
Als die Mengen für den US-Markt größer wurden, habe ich vieles von Istanbul aus organisiert. Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre war die Stadt im Aufbruch. 2008, nach der Wirtschaftskrise in New York, habe ich dann beschlossen, einen Store in Istanbul zu eröffnen. Meine Kollektionen wurden in der Türkei in den besten Department Stores verkauft, und viele Celebritys trugen meine Stücke. Obwohl ich nicht dort lebte, kannten mich viele. 

Sie haben dann sogar für die Frau des damaligen türkischen Staatspräsidenten, Hayrünnisa Gül, gearbeitet. Wie kam es dazu?
Ich war mit ihr befreundet, und wir haben einige Stücke für sie gemacht. Sie war die erste First Lady mit Kopftuch in der Türkei, sehr aufgeschlossen und modeinteressiert. Leider wurde die Zusammenarbeit von den Medien hochgeschaukelt, und wir haben das Ganze dann nicht mehr an die große Glocke gehängt. 

Was haben Sie aus dieser Begegnung mit der Politik gelernt?
Dass man Politik nicht völlig vermeiden kann, wenn man im Rampenlicht steht. Politiker tragen Mode, und Mode ist immer auch ein politisches Statement. Meine ersten prominenten Kundinnen in Wien waren Dagmar Koller, die Ehefrau von Helmut Zilk– und Francesca von Habsburg, die damals spontan in meine Wiener Boutique kam und zwölf Kleider kaufte. 

Sie waren auch in der österreichischen Politik aktiv – als Integrationsbotschafter.
Ich empfand es als wichtig, dass Integration endlich ernst genommen wurde – gerade was Jugendliche mit Migrationshintergrund anbelangt. Ziel war, jungen Menschen zu zeigen, dass sie Teil der österreichischen Gesellschaft sind und sich kulturell und sozial einbringen können. Brücken zwischen Kulturen zu schlagen war immer Teil meiner Mission. Ich habe ja auch in der Mode versucht, westliche Ästhetik mit orientalischen Einflüssen zu verbinden, ohne Klischees zu bedienen.

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben, und was prägt ihn?
Ich bin in der modernen Türkei aufgewachsen – in einem sehr weltoffenen, westlich orientierten Umfeld. Meine Eltern gehörten zum gebildeten Mittelstand. Ich habe aber auch die kulturelle Tiefe und die Sinnlichkeit des Orients in mir. In Wien habe ich die Kunst des Weglassens, die Reduktion auf das Wesent­liche gelernt. Diese beiden Welten fließen in meine Mode ein.

Sie blicken inzwischen auf eine 25-jährige Karriere zurück. Wie hat sich Ihr Blick auf Mode verändert?
Ich weiß mittlerweile, dass Mode mehr als nur Oberfläche ist – sie kann Menschen stärken, inspirieren und glücklich machen. Und ich bin immer noch voller Energie. Bei meiner letzten Show Anfang Oktober war ich so aufgeregt wie vor 15 Jahren in New York. Solange ich ein engagiertes Team um mich habe, will ich weitermachen. Es gibt viele neue Pläne: Wir haben wieder eine kleine Männerkollektion gestartet, außerdem arbeiten wir an Projekten im Bereich Möbeldesign und Kosmetik. Ein neuer Store in Wien ist ebenfalls in Planung – entweder im alten Haus nach der Renovierung oder an einem neuen Standort. Und wer weiß – vielleicht kehre ich eines Tages auch zur New York Fashion Week zurück.

Hut ab!
Ja, schauen wir mal, was sich davon verwirklichen lässt. Aber eines ist sicher: Ich liebe, was ich tue, und ich höre noch lange nicht auf!

Mehr Informationen: atilkutoglu​.com


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