Haute Couture wird oft als frivol und untragbar abgestempelt – unerschwingliche Kreationen, die sowieso nur von Prominenten auf den roten Teppichen von Cannes und Hollywood getragen werden können. Kenner und Modeenthusiasten wissen die höchste Form der Mode jedoch für das zu schätzen, was sie ist: Ein Spektakel oberster Handwerkskunst, innovativstem Design und herausragender Qualität. Und mit frischen Talenten an der Spitze einige der wichtigsten Häuser war diese Saison ein lang ersehntes Reset für die Fashion-Branche.
Im Gegensatz zu vergangenen Saisonen haben die Haute-Couture-Schauen der letzten Wochen weniger nach Aufmerksamkeit verlangt als nach Konzentration. In einer Modewelt, die mittlerweile primär auf Geschwindigkeit und Sichtbarkeit setzt, formulierten die großen Ateliers diesmal eine leise, aber bestimmte Gegenposition: Couture als Ergebnis von Zeit, Wissen und manueller Präzision. Für ein kunstaffines Publikum wurde Couture damit erneut zu dem, was sie im Kern ist – angewandte Kulturgeschichte.
Das waren unsere Highlights der Haute-Couture-Kollektionen für Frühling und Sommer 2026.
Chanel
Lange lösten die Haute-Couture-Shows von Chanel bei Modefans ein trostloses Seufzen (gefolgt von genervtem Augenrollen) aus. Doch diese Zeiten sind seit Matthieu Blazys Übernahme vorbei und das französische Haus zählt wieder zu den absoluten Must-Sees bei jeder Fashion Week. Mit der neuen Kollektion markiert Chanel einen präzisen, bemerkenswert ruhigen Neubeginn: das Couture-Debüt von Blazy setzt bewusst auf Substanz statt Effekt. Im Zentrum steht das Atelier selbst – das Wissen der Premières d’atelier, die Sprache der Schnitte, die Intelligenz der Materialien.
Blazy übersetzt klassische Chanel-Codes wie Tweed, Schleifen oder Bouclé nicht in Nostalgie, sondern in eine zeitgemäße Klarheit: Jacken wirken fast architektonisch reduziert, Oberflächen offenbaren ihre Raffinesse erst aus der Nähe, Stickereien und Texturen entstehen aus konstruktiven Details statt ornamentaler Geste. Wo die Mode leise wirkt, ist das Set im Kontrast ein märchenhaftes, visuelles Spektakel mit Pilzen in Übergröße – ein für das Haus ungewöhnliches Motiv, das auch ein paar der Kleidungsstücke ziert. Besonders auffällig ist der Umgang mit Illusion und Materialität – Stoffe, die wie Denim oder Leder wirken, entpuppen sich als minutiös gearbeitete Couture-Kompositionen.
Schiaparelli
Ein Schiaparelli-Auftritt besitzt jedes Mal etwas Feierliches – und mit seinem festen Platz am Montagmorgen um 10 Uhr markiert das Haus traditionell den Auftakt der Haute Couture Week. Im Petit Palais bewegen sich die Models mit sichtbarer Freude durch die Szenerie, tragen die bewusst theatralischen Entwürfe von Daniel Roseberry und zitieren dabei jene exzessive Runway-Energie, die an die extravaganten Shows der 1980er-Jahre erinnert. Die Kollektion reicht von skulpturalen Oberteilen mit hornartigen Auswüchsen oder skorpionhaften Schwanzformen über scharf geschnittene Blazer mit breiten Schultern und federbesetzten Applikationen bis hin zu zarten Spitzenblüten, die scheinbar vom Körper abzuheben scheinen. Besonders eindrücklich sind die Details: ein ausgestelltes Kleid aus millefeuilleartigem Tüll, wie stückweise herausgeschnitten, sowie schwebende Paneele aus Dégradé-Organza, gefärbt wie verlaufende Tinte.
Inhaltlich speist sich die Kollektion aus einem unerwartet spirituellen Referenzrahmen. Roseberry nannte einen kürzlichen Besuch der Sixtinischen Kapelle und Michelangelos Deckenfresken als Ausgangspunkt – eine „wilde, visuell aufgewühlte, verletzliche und romantische Vorstellung von Gott, Religion, Glauben und der menschlichen Existenz“. Die Vielschichtigkeit der Entwürfe entstand aus dem Wunsch, das ekstatische Gefühl des kreativen Akts selbst zu übersetzen – jenes Hochgefühl, das Roseberry Michelangelo während der Arbeit an seinen Fresken zuschreibt. Entscheidend sei nicht mehr gewesen, wie etwas auszusehen habe, sondern welches Gefühl beim Entstehen entsteht. Couture wird hier nicht als Ergebnis, sondern als emotional aufgeladener Prozess verstanden – und genau darin liegt die eigentliche Kraft dieser Kollektion.
Dior
Seit gefühlt einem Jahr fieberten wir Jonathan Andersons erster Haute-Couture-Kollektion für Dior entgegen. Unter einer umgedrehten Wiese aus wilden Alpenveilchen, inspiriert von einem Strauß des ehemaligen Dior-Kreativdirektors John Galliano, entfaltete sich eine kuratierte Wunderkammer der Ideen. Die ballonartigen Eröffnungskleider aus ultraleichter Seide und Draht gaben den Ton für die kommende Show an – Konstruktionen, die scheinbar vom Körper abzuheben schienen.
Andersons Ansatz verbindet historische Referenzen mit zeitgenössischer Materialintelligenz: Silhouetten wirken bewusst konstruiert, Volumen entsteht aus innerer Logik, nicht aus Dekor. Besonders prägend ist der Umgang mit kostbaren Fundstücken und handwerklichen Techniken – Applikationen, Schmuckelemente und Oberflächen erzählen von Einzigartigkeit und Zeit, vom Wert des Seltenen. Klassische Dior-Codes werden nicht reproduziert, sondern transformiert: Bias-Schnitte, skulpturale Mäntel und organisch geformte Kleider verweisen subtil auf frühere kreative Epochen des Hauses, während neue, naturinspirierte Formen Andersons eigene Handschrift etablieren.
Armani Privé
Mit der Frühjahr/Sommer-Couture-Kollektion 2026 bekräftigte Armani Privé einmal mehr jene leise Autorität, die das Haus innerhalb der Haute Couture einzigartig macht. Giorgio Armani setzte auf eine präzise kontrollierte Eleganz, bei der Farbe, Linie und Oberfläche in perfekter Balance stehen. Die Kollektion lebte von handwerklicher Zurückhaltung: fließende Seiden, fein bestickte Tüllschichten und matt schimmernde Stoffe wurden so verarbeitet, dass sie Bewegung erzeugen, ohne je ins Dekorative abzurutschen.
Charakteristisch waren die nuancierten Farbverläufe – von nächtlichem Blau über Rauchgrau bis zu gedämpften Metalltönen –, die in minutiöser Atelierarbeit Ton in Ton aufgebaut wurden. Silhouetten blieben klar, oft säulenartig oder sanft tailliert, und ließen dem Material die Hauptrolle. Armani Privé versteht Couture seit Jahren als Disziplin der Reduktion: Luxus nicht als Statement, sondern als Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung, absoluter Präzision und eines kompromisslosen Verständnisses von Handwerk.
Robert Wun
In der Haute Couture Frühjahr/Sommer 2026 schärfte Robert Wun seine Position als Erzähler existenzieller Zustände weiter. Die Kollektion kreist um Übergangsmomente zwischen Leben, Erinnerung und Transformation – sichtbar gemacht durch eine extrem kontrollierte, fast obsessive Handwerksarbeit. Oberflächen wirkten gezeichnet, gealtert oder aufgebrochen, waren jedoch das Ergebnis minutiöser Techniken: handgefärbte Stoffe, präzise platzierte Risse, geschichtete Transparenzen und skulptural verstärkte Silhouetten.
Besonders deutlich wurde Wuns Verständnis von Couture als Prozess des Formens und Wiederzusammensetzens – Kleider schienen in Bewegung eingefroren, als trügen sie die Spuren eines vergangenen Ereignisses in sich. Trotz der emotionalen Schwere blieb die Konstruktion streng und präzise: klare Linien, kontrollierte Volumen und eine bewusst reduzierte Farbpalette verliehen den Entwürfen formale Ruhe. Robert Wun zeigte Couture damit als zeitgenössische Kunstform, in der technisches Können nicht dekorativ eingesetzt wird, sondern als Träger von Bedeutung fungiert.
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