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Kohl war lange das Gegenteil von Glamour. Ein Grundnahrungsmittel, erdverbunden, funktional, eher mit Winterküche als mit Wunschästhetik assoziiert. Doch genau diese Bodenständigkeit macht ihn 2026 zum unerwarteten Stilsymbol. Zwischen Interior Design, Modebildern und floralen Installationen erlebt das Gemüse eine bemerkenswerte Neuauflage, das ein Statement setzt.

Im Interior zeigt sich der Trend besonders deutlich: handbemalte Salatschüsseln, Servierplatten und Keramikobjekte in üppiger Kohloptik zieren Tische und Regale. Die plastischen Blätter, die satten Grüntöne (teilweise auch in zartem Rosa und kräftigem Violett) und die fast barocke Üppigkeit der Formen wirken wie ein Gegenentwurf zur jahrelangen Zurückhaltung minimalistischer Wohnästhetik. Kohl steht plötzlich für Opulenz ohne Luxusattitüde – für Natur, die nicht glattgebügelt, sondern bewusst zelebriert wird.

Cabbage Chic streift durch die Modewelt

Parallel dazu hat sich Kohl auch in der visuellen Kultur etabliert. In Editorials taucht er als Requisite auf, in Stillleben ersetzt er Blumen, in Social Media wird er zum ironischen, aber ernst gemeinten Stilmittel. Was früher als banal galt, wird neu bewertet: als Sinnbild für Erdung, Nachhaltigkeit und eine Rückbesinnung auf das Wesentliche – ohne nostalgisch zu wirken.

Trend kohl iris van herpen collage
Iris van Herpen ©
Zwei Kleider von Iris van Herpens neuester Haute-Couture-Kollektion, die stark an Kohlblätter erinnern

Dass Kohl-ähnliche Silhouetten auch kreuz und quer in Modekollektionen auftauchen, mag ein Zufall sein, trotzdem unterstreicht die Ästhetik die visuelle Relevanz des üppigen Gemüses. Besonders auffällig waren einige Teile in der letzten Kollektion der niederländischen Haute-Couture-Designerin Iris van Herpen, die sofort an die wild wachsenden Blätter des Kohlkopfs erinnern. Auch ein maßgefertiges Kleid für Schauspielerin und Sängerin Ariana Grande, das sie bei ihrem Auftritt in der Sendung Saturday Night Live Ende letzten Jahres trug, gleichte der Ästhetik von Rotkohl.


Kohl als florales Element: Ein Talk mit Martin Ehmele

Besonders spannend wird der Trend dort, wo er die Grenzen zwischen Design, Kunst und Floristik auflöst. Florale Arrangements integrieren Gemüse, Blätter werden skulptural inszeniert, Vergänglichkeit wird nicht kaschiert, sondern Teil der Aussage. Kohl fungiert hier nicht nur als Material, sondern als Statement: roh, organisch, direkt.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch die Arbeit von Martin Ehmele, der in seinem Studio Botanical Vandalism mit Gemüse arbeitet und klassische Floristik bewusst infrage stellt. Für ihn ist Kohl kein Gag, sondern ein ernstzunehmendes Gestaltungselement – eines, das unsere Sehgewohnheiten herausfordert und zugleich erstaunlich zeitgemäß wirkt. Im Gespräch mit Signature verrät der aufstrebende Florist, der bereits florale Arrangements für H&M und Louis Vuitton kreiert hat, was ihn an Kohl so fasziniert und was dieser unerwartete Trend über unsere Zeit aussagt.

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Martin Ehmele ©

Dein Flower Studio nennt sich Botanical Vandalism – woher stammt der Name und inwiefern definiert er deine Arbeit?
Botanical Vandalism ist bewusst keine romantische Floristik. Es geht mir nicht um schöne Blumen in Sträußen, sondern um Botanik als Material für architektonische Gebilde. Ich arbeite mit Volumen, Gewicht, Schichtung und Raum, fast wie mit Baustoffen.

Botanical“ beschreibt das rohe Material: Blumen, Kohl, Wurzeln, aber auch Moos als formbare Pflanze. Moos interessiert mich besonders, weil es sich modellieren lässt, Flächen bildet und Körper schafft. Es ist weniger Schmuck als Struktur.

Vandalism“ meint den Umgang damit. Ich löse Pflanzen aus ihren gewohnten ästhetischen Ordnungen und kombiniere Botanik, die normalerweise nicht zusammenkommt: Kohl neben Blüten, Moos neben Gemüse, rohe Texturen neben feinen Oberflächen. Diese Reibung ist gewollt. Meine Arbeiten bewegen sich zwischen Installation, Stillleben und räumlicher Intervention. Sie müssen nicht gefallen, sondern Präsenz haben. Botanical Vandalism ist weniger Dekoration als ein bewusster Bruch mit floralen Schönheitsbildern – und ein Versuch, Natur neu zu lesen.

Kohl galt lange als rein funktionales Lebensmittel. Wann hast du begonnen, ihn als ästhetisches Objekt wahrzunehmen?
Eigentlich ganz banal, auf dem Markt bzw. beim Einkaufen. Kohl ist extrem körperlich: schwer, dicht, skulptural. Sobald man ihn nicht mehr als Zutat zum Kochen, sondern als Form betrachtet, kippt die Wahrnehmung. Ab da war klar: Das ist nicht nur ein Gemüse sondern auch ein Medium, mit dem man arbeiten kann.

Was macht Kohl – visuell und haptisch – für florale Arrangements so spannend?
Er hat Präsenz. Die Schichtung der Blätter, die matte Oberfläche, diese fast archaische Geometrie. Haptisch ist er kühl, fest, widerständig, also ein kompletter Gegenpol zu fragilen Blüten. Kohl erdet ein Arrangement sofort.

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Martin Ehmele ©

Deine Arbeiten bewegen sich zwischen Installation, Stillleben und floraler Gestaltung. Wie definierst du selbst, was du tust?
Ich versuche, mich bewusst nicht über klassische floristische Kategorien zu definieren. Mich interessiert weniger das Endprodukt Arrangement“ als die Situation, die entsteht. Manchmal ist es ein Stillleben, manchmal eine raumgreifende Installation, manchmal etwas, das fast wie ein architektonisches Fragment oder ein Bühnenbild funktioniert. Entscheidend ist für mich die Spannung zwischen den Materialien. Ich bringe Botanik zusammen, die normalerweise nicht gemeinsam gedacht wird, und setze sie in neue Kontexte. Dabei entstehen Kontraste zwischen weich und massiv, roh und fein, lebendig und bereits im Vergehen begriffen.

Zusätzlich zu klassischen Schnittblumen arbeitest du oft mit Gemüse und Obst. Was reizt dich an dieser Grenzverschiebung?
Gemüse hat keine floristische Tradition, keine Erwartungshaltung. Genau das macht es frei. Es erlaubt mir, Arrangements zu bauen, die mehr mit Kunst oder Food Culture zu tun haben als mit klassischer Floristik.

Kohl hat Präsenz. Die Schichtung der Blätter, die matte Oberfläche, diese fast archaische Geometrie. Haptisch ist er kühl, fest, widerständig, also ein kompletter Gegenpol zu fragilen Blüten. Kohl erdet ein Arrangement sofort.“ Martin Ehmele, Botanical Vandalism

Verändert sich der Blick auf Natur, wenn etwas Vergängliches wie Kohl ins Zentrum eines Arrangements rückt?
Ja weil Vergänglichkeit nicht mehr versteckt wird. Floristik ist immer temporär, auch wenn wir oft so tun, als wäre sie es nicht. Kohl, Moos oder rohe botanische Materialien altern sichtbar. Sie verändern sich, verlieren Spannung, kippen.

Genau das zwingt dazu, im Jetzt zu sein. Ein Arrangement existiert nur für einen kurzen Moment – danach ist es ein anderes. Diese Zeitlichkeit erzeugt Aufmerksamkeit und Präsenz. Man schaut anders hin, weil klar ist: Das hier lässt sich nicht konservieren. Für mich liegt darin die eigentliche Kraft floraler Arbeit. Nicht im Festhalten, sondern im bewussten Akzeptieren von Veränderung. Floristik wird so weniger Dekoration, sondern eine Erfahrung von Zeit.

Kohl taucht aktuell in Mode, Interior und Visual Culture auf. Triffst du diesen Trend intuitiv – oder beobachtest du ihn bewusst?
Eher intuitiv. Ich arbeite viel aus dem Bauch heraus, und Trends sind für mich meist nur das Sichtbarwerden eines kollektiven Gefühls. Kohl passt gerade deshalb so gut, weil er unspektakulär ist: kein Luxusprodukt, kein Exot, sondern etwas Alltägliches mit starker physischer Präsenz. Als Trendgemüse steht er für eine Sehnsucht nach Erdung, Materialität und Ehrlichkeit. Nach Jahren von Hochglanz, Perfektion und Überästhetisierung wirkt Kohl fast radikal und nicht gefällig. Vielleicht ist genau das der Grund, warum er gerade jetzt so stark auftaucht.

Was sagt der Kohl-Trend über unsere Zeit aus: über Nachhaltigkeit, Erdung oder vielleicht auch Überdruss an Perfektion?
Alles davon. Kohl steht für Bodenständigkeit, für Alltag, für etwas Unveredeltes. In einer Welt voller Filter und Hochglanz ist das fast schon radikal.

Würdest du Kohl als Symbol eher dem Minimalismus oder dem Opulenten zuordnen?
Beidem. Ein einzelner Kohl kann brutal minimal und schlicht sein. In Masse wird er opulent, fast barock. Genau diese Ambivalenz macht ihn so stark.

Glaubst du, dass florales Design in Zukunft stärker in Richtung essbarer oder temporärer Materialien geht?
Ja, weil wir anfangen, Wert nicht mehr nur über Haltbarkeit zu definieren. Temporäre Materialien erzählen mehr über Zeit, Kontext und Verantwortung.

Essbare Materialien wie Kohl oder anderes Gemüse erweitern diesen Gedanken noch. Sie sind nicht weniger wertvoll, nur weil sie konsumierbar sind. Im Gegenteil: Sie machen sichtbar, dass Ästhetik und Funktion kein Widerspruch sind. Botanik darf schön sein und schmecken.

Gibt es ein Material, das du ähnlich unterschätzt findest wie Kohl vor ein paar Jahren?
Radicchio. Visuell ist er teilweise schöner als so manche Rose. Diese violetten Schichten, die grafischen Blattadern, die Spannung zwischen Bitterkeit und Eleganz, das ist pure Ästhetik. Er hat so viel Charakter!

Und Moos. Viele sehen darin nur Füllmaterial, dabei ist es extrem formbar. Man kann damit Flächen bauen, Volumen modellieren, Übergänge schaffen. Moos funktioniert fast wie eine textile Oberfläche oder eine Haut.

Beide Materialien zeigen für mich, wie wenig es braucht, um Floristik neu zu denken. Es ist alles schon da, man muss nur anders hinschauen.

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Martin Ehmele ©
Zusätzlich zu Gemüse wie Kohl und Kürbissen arbeitet Martin Ehmele vor allem gerne mit Moos, das für ihn wie eine textile Oberfläche funktioniert.

Warum also ausgerechnet Kohl? Vielleicht, weil er genau das verkörpert, wonach 2026 gesucht wird: Authentizität statt Perfektion, Sinnlichkeit statt Inszenierung, Natur nicht als Dekor, sondern als Präsenz. Ein Trend, der leise begonnen hat – und nun überall sichtbar wird.


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