Ein nordseitiger Steilhang, kaum Licht, keine einfache Lösung – und am Ende steht ein Haus, das nicht bloß baut, sondern überwindet. Die Villa Sidonius bei Prag versteht Wohnen als Brücke.
Es gibt Grundstücke, die keine Kompromisse zulassen. Das Steilgrundstück in Černošice ist eines davon: nordseitig, schattig und extrem geneigt gelegen. Ein Ort, der sich dem Bauen widersetzt. Das Prager Studio Stempel & Tesař architekti entscheidet sich dennoch nicht für eine Anpassung, sondern für die Verschiebung der Logik. Das Haus wird nicht in den Hang gesetzt, sondern darüber gespannt.
Die Ausgangsfrage ist dabei fast banal und zugleich entscheidend: Wie bringt man Licht, Aussicht und Zugänglichkeit zusammen, wenn der beste Ort dafür am schwersten erreichbar ist? Die Antwort ist radikal einfach: Man baut dort, wo es Sinn macht, und überbrückt den Rest. Die Villa Sidonius funktioniert aus diesem Grund wie eine Brücke. Eine vorgefertigte Stahlkonstruktion überspannt rund 18 Meter zwischen zwei massiven Betonkernen und hebt den Wohnraum aus dem Gelände heraus. Was technisch klingt, ist vor allem räumlich gedacht: oben Licht und Weite, unten Erdung und Infrastruktur.
Diese Logik setzt sich beim Zugang konsequent fort. Es gibt keinen klassischen Eingang, sondern einen unterirdischen Weg: Tunnel, Pfeiler, Aufzug. Erst dann öffnet sich das Haus. Es ist ein Wechsel von Enge zu Weite, von Schwere zu Leichtigkeit – fast wie ein inszenierter Schnitt durch den Ort. Im Inneren bleibt alles zurückhaltend. Es gibt einen zentralen Wohnraum, der von großformatigen Verglasungen gefasst wird. Diese setzen das Panorama nicht in Szene, sondern lassen es selbstverständlich erscheinen. Die beiden Enden des Baukörpers trennen die verschiedenen Funktionen: Hier befindet sich der Rückzugsbereich, dort der Gemeinschaftsbereich. Dazwischen spielt sich ein Alltag ab, der sich entlang von Blick und Licht organisiert. Auch konstruktiv bleibt das Haus ein Experiment. Die leichte Stahlstruktur bringt kaum Speichermasse mit sich. Dieser Nachteil kann nur durch moderne Technik kompensiert werden: kontrollierte Klimasysteme, hochdichte Fenster und eine fein abgestimmte Haustechnik.
Die Landschaft ist dabei kein Hintergrund, sondern ein Gegenüber. In Zusammenarbeit mit dem Landschaftsarchitekten entstand ein Hang aus Schiefer und Birken, der sich durch seine Reduziertheit und grafische Wirkung auszeichnet und sich dennoch selbstverständlich in den Kontext einfügt. Die Villa Sidonius ist somit weniger eine Form als eine Entscheidung: nicht zu reagieren, sondern neu zu denken. Dass dieser Ansatz auch über das Einzelprojekt hinaus wahrgenommen wird, zeigt die Nominierung als Finalist beim Czech Architecture Award 2025.
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