Über Social Media konnte sich Hamish Powell als DER Florist der Mode- und Popkulturszene etablieren. Neben High-End-Modemarken zählen auch Popstars wie Charli xcx zu seinen Fans. Im exklusiven Interview mit Signature verrät der Star-Florist, wie es dazu kam, die Pflanzenwelt zu seinem Design-Medium zu machen und woraus er Inspiration schöpft.
Rein technisch gesehen ist Hamish Powell Florist, obwohl er mittlerweile mit seinen interdisziplinären Kreationen auch als Skulpteur, Künstler und Designer gilt. Seinen Weg in dieses bestimmte Feld fand der charismatische Brite mit derselben zufälligen Intuition, die in jedem seiner Werke steckt. „Es hat sich einfach ergeben; ich habe nie bewusst entschieden, in diesem Raum zu arbeiten. Für mich überlappen sich Floristik, Kunst und Design natürlich“, verrät Powell im Gespräch mit Signature. Sein tiefes Verständnis für Pflanzenbiologie, gepaart mit einer sensiblen, unverkennbaren Handschrift und einer kontinuierlichen Präsenz auf Social Media haben ihm internationale Aufmerksamkeit beschert, die auch zu Modehäusern wie Loewe, Burberry und Hermès durchgedrungen ist, die sich nur allzu gerne mit Powells floralen Designs schmücken.
X Fragen an Hamish Powell
Deine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Floristik, Kunst und Design. Wie bist du in diesem Spannungsfeld gelandet – und woher kommt deine Inspiration?
Ich habe nie bewusst entschieden, dass ich dort arbeiten möchte – es hat sich einfach nach und nach ergeben. Kategorien wie „hier Floristik, dort Kunst, irgendwo Design“ haben mich immer eher eingeschränkt. Für mich fließt das alles ineinander. Blumen sind für mich kein Accessoire, kein nachträglicher Gedanke, sondern ein Material, das genauso ernst genommen werden kann wie Stahl oder Ton. Inspiration finde ich oft in Dingen, die gar nichts mit Pflanzen zu tun haben – in der Linie eines rostenden Rohrs, im Rhythmus einer Küstenlinie oder darin, wie Morgenlicht durch Jalousien fällt. Pflanzen sind nur die Sprache, in die ich diese Beobachtungen übersetze.
Du bist auf einer Farm in Tansania, in England und im Süden Frankreichs aufgewachsen und hast sogar Pflanzenmikrobiologie studiert. Wie prägen diese Erfahrungen deine Arbeit heute?
Jeder dieser Orte hat mir eine andere Art geschenkt, Pflanzen zu sehen. Tansania war reines Improvisieren und Überfluss – nichts Geordnetes, alles wuchs einfach, wo es wollte. Der Süden Frankreichs bedeutete Entdeckung und Knappheit, Oliven und Reben. England gab mir Hecken, Wildkräuter und eine gewisse sture Praktikabilität. Die Mikrobiologie war eine ganz andere Ebene – sie kam vor der Floristik und hat mein Denken geschult, Pflanzen zunächst wissenschaftlich zu begreifen. Das wieder zu entpacken, hat meine Reise stark beeinflusst. Heute sehe ich nicht nur die Farbe einer Blüte, sondern auch die unsichtbaren Systeme, die einen Stängel stark machen oder ein Blatt welken lassen. Wenn ich eine Blume in der Hand halte, erkenne ich ihre ganze Geschichte – wo sie gewachsen ist, wie sie sich verhält und was sie vielleicht tun möchte, wenn ich sie lasse.
Du sprichst oft davon, intuitiv zu arbeiten. Wie entsteht ein Werk von dem Moment an, in dem du den ersten Stängel setzt?
Der erste Stängel ist eigentlich nie der Anfang, eher ein Marker, eine Linie im Sand. Von dort beginnt eine Art Verhandlung – ich füge hinzu, nehme weg, höre zu, was das Material mir sagt. Intuition bedeutet für mich kein Raten, sondern Muskelgedächtnis – Jahre des Arbeitens mit Pflanzen, bis der Körper schneller weiß als der Kopf. Die Arbeit entwickelt sich wie ein Gespräch zwischen mir, den Stängeln und dem Raum, den sie füllen sollen.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Designern sind deine Kreationen vergänglich. Wie beeinflusst dein Wissen über Pflanzenbiologie den Umgang mit Materialien und Haltbarkeit?
Die Biologie ist wie ein leises Handbuch im Hinterkopf. Ich weiß, welche Pflanzen schnell in sich zusammenfallen, welche Wasser speichern oder sich zu skulpturalen Formen trocknen lassen. Doch meist fliehe ich vor Dauerhaftigkeit. Ich versuche, meine Kunden immer mehr davon zu überzeugen, dass gerade die Zerbrechlichkeit Kraft hat – dass ein welkes Blatt oder ein braun werdender Stängel das Leben auf eine Weise spürbar macht, wie es nichts Dauerhaftes kann. Die Wissenschaft hilft mir, zu entscheiden, wie sehr ich dem Zeitplan der Natur widerstehe – oder mich ihm hingebe.
“Selbst unter den strengsten Vorgaben bleibt die Hand, die den Stängel platziert, meine eigene.” – Hamish Powell
Du hast mit Modehäusern wie Loewe, Burberry, YSL und Hermès gearbeitet. Wie balancierst du deren Markenidentität mit deiner eigenen Handschrift?
Ein Briefing ist für mich wie eine Farbpalette – man bekommt bestimmte Farben, aber man entscheidet selbst, wie man sie schichtet. Einschränkungen sind für mich unglaublich belebend. Sie treiben mich in Formen oder Dimensionen, auf die ich alleine nicht gekommen wäre. Mir treu zu bleiben, fällt mir nicht schwer, weil meine Stimme im Prozess liegt, nicht im Ergebnis. Selbst unter den strengsten Vorgaben bleibt die Hand, die den Stängel platziert, meine eigene.
Deine Designsprache ist sehr prägnant, trotzdem versuchen immer mehr andere, deinen Stil zu kopieren. Wie gehst du damit um?
Das ist ganz natürlich. Wir erleben gerade, dass Floristik endlich als Form von Design wahrgenommen wird und nicht nur als Dienstleistung. Wenn meine Arbeit dazu beigetragen hat, freut mich das. Stil ist immer durchlässig – er fließt, wird aufgenommen, verändert sich. Wichtig ist nicht, ihn zu bewachen, sondern ihn weiterzuentwickeln. Wenn andere sich inspirieren lassen, motiviert mich das, selbst in Bewegung zu bleiben und nicht in Wiederholung zu erstarren.
Wie würdest du deine eigene Entwicklung beschreiben – und wo siehst du dich in fünf oder zehn Jahren?
Am Anfang wollte ich Größe beweisen – alles musste größer, schwerer, lauter sein. Heute geht es mir um Intention, Präzision, darum zu wissen, wann man aufhört. Die Veränderung liegt weniger in der Größe als in der Haltung. In fünf Jahren möchte ich meine Arbeit in neue Räume ausdehnen – in die Architektur, vielleicht in Duft oder Film. In zehn Jahren wünsche ich mir, dass meine Projekte weniger als Marketing-Accessoire für Marken gesehen werden, sondern als kulturelle Momente, die im Gedächtnis bleiben.
Wenn du kein Florist wärst – gäbe es einen anderen kreativen Weg für dich?
Wenn ich kreativ bliebe, wären es Keramiken. Ton fühlt sich für mich den Blumen sehr nah – er lebt, er widersetzt sich, er hat ein eigenes Gedächtnis für Form. Man kann ihn führen, aber er behält immer seine eigene Haltung. Spannend wäre für mich, etwas zu schaffen, das bleibt – als Gegenpol zu meiner ephemeren Arbeit. Und wenn ich gar nicht kreativ wäre? Dann wäre ich wahrscheinlich Entomologe. Ich bin BESSESSEN von Insekten. In einem anderen Leben könnte ich mir vorstellen, mit einem Schmetterlingsnetz statt einer Gartenschere unterwegs zu sein. Aber letztlich gehören Käfer und Blumen ohnehin zusammen – ohne einander gäbe es sie nicht. In diesem Sinne bin ich wohl nicht so anders als eine kleine Biene.
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