Mit der Neuaufstellung seiner Schausäle zu Wien 1900 bietet das MAK atmosphärische Erlebnisräume zu diesem Sammlungsbereich, der zu den international bedeutendsten Beständen dieses berühmten Kapitels der Kunstgeschichte zählt.
Wien 1900 ist kein Stilzitat. Es ist ein Referenzsystem. Wer heute über Interdisziplinarität, Raumkunst oder Design als kulturelle Praxis spricht, landet unweigerlich bei jener Epoche, in der Architektur, Möbel, Grafik, Mode und Malerei eine gemeinsame Sprache suchten. Dass das MAK seine Schausammlung nun grundlegend neu denkt, ist daher weniger eine museale Pflichtübung als eine inhaltliche Standortbestimmung.
Ein neuer Kontext
Mehr als 700 Objekte – von Möbeln über Glas und Textil bis zu Entwurfszeichnungen – bilden das Fundament dieser Neuaufstellung. Doch entscheidend ist nicht die Zahl, sondern die Dramaturgie. Der Künstler Markus Schinwald hat die bisher chronologische Erzählung aufgelöst und durch eine thematische Struktur ersetzt. Historismus, Elektrizität, Arbeitskultur, japanischer Einfluss, Leere als Stilmittel oder die Idee des Gesamtkunstwerks werden zu Koordinaten eines vielschichtigen Parcours.
Wer sich für Design interessiert, sollte sich diese Neuaufstellung keineswegs entgehen lassen. Wien 1900 erscheint hier nicht als ästhetisch abgeschlossene Periode, sondern als Labor: Die Glühbirne verändert Raumwahrnehmung. Postkarten funktionieren wie ein frühes soziales Medium. Großraumbüros werden neu organisiert. Die Ausstellung arbeitet mit filmischen Methoden – Totale und Close-up, Distanz und Nähe –, um Objekte zu isolieren und zugleich in neue Kontexte zu setzen.
Das ist klug, weil es die bekannte Ikonografie – von der Secession bis zur Wiener Werkstätte – nicht ausstellt wie ein Denkmal, sondern wie ein System aus Beziehungen. Einzelstücke stehen nicht mehr für sich, sondern als Teil einer fein austarierten Raumchoreografie. Möbel, Geschirr, Textilien und Architekturentwürfe werden als aufeinander abgestimmte Elemente lesbar. Genau darin liegt die anhaltende Relevanz: Die Idee des Gesamtkunstwerks war nie dekoratives Pathos, sondern eine radikale Frage nach dem Verhältnis von Mensch, Objekt und Raum.
Eine Epoche, die ewig inspiriert
Auch die Interventionen im Detail überzeugen. Die rekonstruierte Fassade des Hoffmann-Pavillons von 1925 wirkt wie ein Bühnenbild. Gustav Klimts Entwurfszeichnungen für den Stoclet-Fries erhalten eine neue Präsenz. Spiegelungen erzeugen Unendlichkeitseffekte, die an heutige Bürolandschaften erinnern. Statt musealer Ehrfurcht entsteht eine dichte, manchmal fast intime Atmosphäre.
Dass zur Eröffnung Autor Daniel Kehlmann sprach, passt in dieses Bild. Sein Blick auf filmische Erzählweisen und historische Stoffe unterstreicht, dass es hier um Perspektiven geht – nicht um Chronologien.
Diese Neuaufstellung macht sichtbar, wie produktiv ein Museum arbeiten kann, wenn es seine Sammlung nicht verwaltet, sondern befragt. Kunst und Design wird im MAK nicht als Dekor, sondern als Denkform verstanden. Somit wird auch Wien 1900 hier nicht konserviert. Es wird neu vermessen – als Epoche, die bis heute Maßstäbe setzt, gerade weil sie nie nur Stil, sondern immer auch Struktur war.
WIEN 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk
ab 25. Februar 2026
Museum für angewandte Kunst, Stubenring 5, 1010 Wien
Weitere Infos & Tickets: mak.at/ausstellung/wien1900
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