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Anlässlich der großen Ausstellung Helmut Lang. Séance de Travail 1986 – 2005“ im Wiener MAK sprechen die Kuratorinnen Marlies Wirth und Lara Steinhäußer darüber, wie sie das vielschichtige Werk des österreichischen Designers zwischen Mode, Kunst, Architektur und Markenkommunikation in eine zeitgenössische Schau übersetzen – und warum Helmut Langs Konzepte von Identität, Körper und Bildpolitik gerade jetzt neu verhandelt werden.

Seit Jahren plant das MAK eine große Helmut-Lang-Schau. Jetzt ist es so weit – warum gerade jetzt? 

Die Idee dazu gibt es tatsächlich schon lange. Dieses Projekt umzusetzen war von Anfang an eines der Ziele von MAK-Generaldirektorin Lilli Hollein. Sie konnte Helmut Lang überzeugen, und gemeinsam wurde entschieden, dass diese Ausstellung nicht als Modeausstellung in klassischem Sinn gedacht sein sollte. Denn Helmut Lang ist weit mehr als ein Modedesigner, und das Konzept reflektiert seine interdisziplinäre Arbeitsweise.

Lara Steinhaeusser c MAK und Marlies Wirth c Marcella Ruiz Cruz for PW Magazine
MAK, Marcella Ruiz Cruz for PW Magazine ©
Lara Steinhäußer (li.), Kustodin MAK Sammlung Textilien und Teppiche und wissenschaftliche Beraterin der Ausstellung, und Marlies Wirth (re.), Kuratorin Digitale Kultur, Kustodin MAK Sammlung Design und Kuratorin der Ausstellung.

Was meinen Sie damit?
Viele große Modeausstellungen zeigen Kleidung auf Puppen – das würde in diesem Fall aber zu kurz greifen. Das Werk von Helmut Lang ist ein kulturelles Phänomen, das weit über Mode hinausgeht. Er verstand Mode als Teil eines größeren medialen und gesellschaftlichen Diskurses.

Zum Beispiel?
Langs Strategien in der Werbung und in der Präsentation seiner Mode waren revolutionär. 1998 etwa zeigte er seine Kollektion nicht live, sondern als Online-Video auf seiner Website. Heute mag das selbstverständlich klingen, damals war das aber ein Skandal – und im Nachhin­ein visionär. Die Website wurde auf New Yorker Taxi-Tops beworben, die als ikonisches Markenzeichen Manhattans auch in Filmen und Serien vorkommen. Wir im MAK haben den großen Vorteil, dass wir seit 2011 das Helmut-Lang-Archiv betreuen, das rund 10.000 Datensätze umfasst – nicht nur Kleidung, sondern auch Video- und Fotodokumentationen, Backstage-Materialien, Polaroids, Proofs, Werbekampagnen oder Dokumente zu seiner Markenkommunikation. Besonders spannend ist das Archiv, weil es die Prozesse hinter den fertigen Arbeiten sichtbar macht – also den Weg von der Idee bis zur finalen Kampagne.

TAXI TOP Helmut Lang New York City Taxi Top advertising 19982004
MAK / Christian Mendez ©

Es ist das umfangreichste Archiv zu Helmut Lang weltweit, korrekt?
Ja, es ist das größte und einzige offizielle Archiv zu Helmut Lang, mit einem Fokus auf Prozess und Entwicklung. Andere Museen – etwa das Musée des Arts décoratifs in Paris, das Metropolitan Museum in New York oder das Kyoto Costume Institute – erhielten einzelne vollständige Looks von Helmut Lang, aber nur das MAK besitzt eine umfassende Dokumentation der Marke von 1986 bis 2005.

Was sind die inhaltlichen Säulen der Ausstellung?
Die Schau gliedert sich in größere Kapitel, etwa zu Identität und Raum über Werbung bis zur Architektur seiner Geschäfte. Ein zentraler Bereich widmet sich dem Konzept der Séance de Travail“, handelt also von Langs Modenschauen, die er seit 1988 als Präsentationsformat einführte. Diese Shows brachen mit Konventionen: Es gab keine erhöhten Laufstege, keine Hierarchien; Männer und Frauen liefen gemeinsam über den Laufsteg, die Choreografien waren dynamisch und ähnelten eher zufälligen Begegnungen im öffentlichen Raum als klassischen Modeschauen. Vieles, was heute selbstverständlich ist, hat Lang vorweggenommen.

SEANCE DE TRAVAIL Helmut Lang Collection Hommes Femmes Seancede Travail Defile Hiver 98 99 1998 STILL 2 Kopie
MAK Helmut Lang Archiv. Courtesy of hl-art. ©

Was war an den architektonischen Konzepten seiner Shops so besonders?
Manche Stores in New York, entworfen mit Richard Gluckman, waren ursprünglich Galerieräume. Die Verbindung von Kunst, Architektur und Mode war bei Helmut Lang integraler Bestandteil einer Erfahrung – Kunst war nicht Dekoration, sondern es eröffnete sich ein Dialog zwischen Mode und Kunst. Die Werke von Louise Bourgeois oder Jenny Holzer wurden als ortspezifische Installationen in den Stores integriert und waren Teil einer inhaltlichen Auseinandersetzung. Es ging um gemeinsame künstlerische Herangehensweisen und Überzeugungen. Die Ausstellung fokussiert auf Langs Arbeit im Kontext der Modeindustrie bis 2005; das heutige unter demselben Namen geführte Label wird nicht thematisiert.

Warum vermeiden Sie den Begriff Retrospektive“?
Weil wir nicht historisieren wollen. Diese Schau ist keine Retrospektive im klassischen Sinn, sondern eine Untersuchung der kulturellen Relevanz von Helmut Lang für die Gegenwart. Uns interessiert, warum seine Ideen heute noch wirksam sind – etwa seine Konzepte von Identität, Gender und Körperbildern. Er hat neue Identitätsentwürfe geschaffen, die bis heute nachwirken.

Wie stark ist seine Mode selbst in der Ausstellung präsent?
Originale Videodokumentationen der Runway Shows, Lookbooks, Backstage-Fotografien und Fitting-Polaroids zeigen die Mode im authentischen Kontext – am Körper von Menschen. Ein Fokus sind aber auch jene Stücke – die Accessoires Vêtements“ –, die an der Schnittstelle von Kleidung und Objekt liegen. Sie machen den Kern seines Schaffens sichtbar: die Reduktion, die Dekonstruktion, das Spiel mit Material und Form. Sie spielen mit den prototypischen Formen von Kleidungsstücken und werden in einem eigens gestalteten Raum präsentiert.

Ist Helmut Lang selbst in die Ausstellung eingebunden?
Wir sind im regen Austausch mit ihm, aber die Ausstellung wird vom MAK kuratiert. Lang hat mit seinem Archiv die Basis dafür geschaffen. Unser Ziel ist, dieses Archiv künftig noch stärker zu erschließen und digital zugänglich zu machen. Die Ausstellung ist dafür ein Startschuss. 


Helmut Lang: Séance de Travail 1986 – 2005

Von 10.12.2025 bis 03.05.2026
Untere Ausstellungshalle
mak​.at


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