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Es waren die Nachrichten, die gestern wie ein Lauffeuer durch alle Ecken des Internets zogen: Für die kommenden zwei Jahre wird John Galliano das Designteam von Zara begleiten und sich dabei nicht an neuen Stoffen, sondern am eigenen Bestand abarbeiten.

Konkret bedeutet das: Zugriff auf vergangene Kollektionen, die zerlegt, neu gedacht und in saisonalen Drops wieder zusammengesetzt werden. Der Ansatz ist bemerkenswert, weil er zwei Welten verschränkt, die selten so direkt aufeinandertreffen. Hier die industrielle Geschwindigkeit eines globalen Retailers, dort ein Designer, der für narrative Opulenz und handwerkliche Präzision steht. Dass Galliano nicht einfach für Zara entwirft“, sondern mit bestehendem Material arbeitet, verschiebt den Fokus deutlich: weg von reiner Neuheit, hin zu Interpretation, Transformation und vielleicht auch Korrektur.

Galliano ist selbstverständlich einer der wichtigsten – und kontroversesten – Namen, die die letzten Jahrzehnte der Mode geprägt haben. Bei Dior sorgte er für ein paar der ikonischsten Momente der Brand (man denke an das Newspaper Dress, ein Kleid in Zeitungspapieroptik, das einer Kollektion entsprang, die von Obdachlosen inspiriert war, und das später von Sarah Jessica Parker als Carrie Bradshaw in Sex and the City getragen wurde). Eine Reihe drogen- und alkoholbedingter Skandale beendeten in den frühen 2010er Jahren jedoch seinen Höhenflug bei Dior.

Nach drei Jahren der Rehabilitation abseits der Öffentlichkeit stieg Galliano in seiner neuen Rolle als Kreativdirektor bei Maison Margiela sprichwörtlich wie ein Phönix aus der Asche und erinnerte die Welt an sein kreatives Genie. Zehn Jahre lang lieferte er Kollektionen, die durchgehend für Begeisterung sorgten, kulminierend in einem bombastischen Finale – seine Margiela Couture Collection 2024 –, das die Modeindustrie wie ein Stromschlag zum Zittern brachte … und womöglich wiederbelebte.

Dass ein kreatives (und problembeladenes) Genie wie er jetzt ausgerechnet zum Fast-Fashion-Giganten Zara (der Kontroverse auch kein Fremder) geht, mag verwunderlich wirken. Lange Zeit war der Name Galliano Synonym mit Exklusivität und astronomischen Preisen – das direkte Gegenteil von Zaras Business Model. Dass er also jetzt sein immenses unbestreitbares Talent den Massen widmet, fühlt sich tatsächlich revolutionär an.

Gut, High-Fashion-Designer bei High-Street-Brands ist nicht komplett neu oder ungewöhnlich. Uniqlo veröffentlicht seit Jahren Kollektionen von JW Anderson, die jedoch näher an Uniqlos praktischer Alltagsästhetik als an der ausgefallenen Designsprache des Designers angesiedelt ist. Zaras Konzept, sich bei der Zusammenarbeit mit Galliano für längere Zeit am Archiv zu bedienen, ist jedoch weit genug von der Konkurrenz (man denke an H&Ms jährlichen Designerkollaborationen) entfernt, um neu und innovativ zu sein.

Zaras Image ist seit Längerem Gegenstand kritischer Diskussionen. Immer wieder werden Fragen zu Arbeitsbedingungen, Transparenz in der Lieferkette und einzelnen Marketingentscheidungen laut, ebenso wie zur ökologischen Bilanz. Diese Debatten betreffen allerdings nicht nur Zara, sondern weite Teile der Fast-Fashion-Branche insgesamt.

Die Meldung, dass Galliano sich in seiner neuen Rolle am Bestand aus Zaras Archiv bedient, scheint zumindest der Umweltkritik entgegenzuwirken. Und das ist ja zumindest schon ein Anfang. Inwiefern sich das auf die Verfügbarkeit dieser Teile (und deren Preis) auswirkt, ist Spekulationssache. Sollte sich diese Kollaboration als erfolgreich erweisen, wird die Konkurrenz bestimmt nachziehen, was tatsächlich einen großen Shift für die Industrie bedeuten könnte.

Startpunkt ist September 2026, die Kollektionen sollen im Rhythmus der Saisonen erscheinen. Details hält das Unternehmen vorerst zurück. Ich werde nicht leugnen, dass ich mehr als neugierig bin und mit ziemlicher Sicherheit am Launch Day in der Schlange stehen werde, um mir selbst ein Bild von John Gallianos Version von Zara zu machen.


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