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Comedy Culture: Gery Seidl begeistert auf der Bühne, am Bildschirm und 2024 beim Kabarettfestival in Wien. Ein Talk über Authentizität, Enthüllungen und Genuss.

Angesichts der turbulenten Weltlage – wird Humor immer wichtiger?
Auf jeden Fall! Meiner Meinung nach ist Humor die gelungenste Trägermasse für eine Botschaft, die weit besser gehört wird als ein erhobener Zeigefinger – der sowieso nichts auf der Bühne verloren hat. Mit Kabarett baue ich eine Welt, aus meinen Augen betrachtet, voller Schrulligkeit. Es geht darum, eine Andersdeutigkeit dieser Welt zu zeigen, Sachen auf den Grund zu gehen. Mein Technikerherz liebt das, Zweifel zu hegen, nach einer zweiten Meinung zu fragen, Dinge infrage zu stellen. Wahrheit ist ein sehr dehnbarer Begriff, den auf die Probe zu stellen sich lohnt.

Hat sich hier Ihr Zugang in den letzten Jahren verändert?
Nein, ich habe das große Glück, seit rund 15 Jahren in dieselbe Kerbe zu schlagen. Was sich aber verändert hat, ist die Atmosphäre. Seit den letzten zwei Jahren sind Zwischentöne in unserer Gesellschaft verloren gegangen. Sobald man eine Meinung hat, wird man sofort in eine Schublade gesteckt. Beim E‑Auto nachfragen, wo die Batterien herkommen – und schon ist man ein Klimagegner. Da wird man auch als Satiriker genau beobachtet. Ich stehe auf der Bühne und darf mir mein Publikum erspielen. Genau das sehe ich als Privileg. 

Macht es für Sie einen Unterschied, in welcher Location Sie spielen?
Ich bin immer gleich motiviert, ob ich vor 250 oder 1.400 Menschen spiele. Aber natürlich färbt die Atmosphäre auch auf mich ab. Daher liebe ich etwa besondere Locations wie alte Theater, Ruinen oder auch das Wiener Rathaus. Beim Wiener Kabarettfestival kommen die Leute, um einen gelungenen Abend zu verbringen – mit Unterhaltung rundherum und einer tollen, entspannten Atmosphäre. Da macht das Spielen besonders viel Freude.

Beim Wiener Kabarettfestival 2024 steht das Jubiläums-Best-of Eine Runde Seidl“ am Programm. Worauf darf sich das Publikum freuen?
Prinzipiell mache ich alle zwei Jahre ein komplett neues Programm. Aber irgendwie ist es schade, ältere Geschichten gar nicht mehr zu bringen. Oft werde ich auf einzelne Sequenzen angesprochen – daher die Idee, hier die besten noch einmal auf die Bühne zu bringen. Vor allem, weil sie nicht an Aktualität verloren haben! Wir sind immer noch fehlbare Geister, die aufeinander aufpassen. Die Auswahl der Geschichten ist schwierig, ich gehe nach dem Prinzip Survival of the Fittest“ vor. 

Meiner Meinung nach ist Humor die gelungenste Trägermasse für eine Botschaft.”

Wie viel Raum ist bei Ihren Programmen für Spontanität?
Bei den ersten 50 Vorstellungen schreibt mein Techniker noch mit, da verändern wir gegebenenfalls noch. Dann ist es aber, wie es ist. Dann stehe ich vorn, erzähle Geschichten – ganz ohne digitale Show –, und das Publikum hat zwei Stunden das Handy aus und hört mir zu. Ein unheimliches Privileg!

Ist für Sie als Schauspieler Text lernen ein Thema?
Offiziell hab ich ja kein Zeugnis, dass ich Schauspieler bin. Da muss man genau sein. Ich habe aber bei Herwig Seeböck gelernt und übe die Profession auch aus. Text lernen ist gar kein Thema, das mache ich mit Bildern. Und im Endeffekt sind sich Schauspiel und Kabarett auch sehr ähnlich. Beim Kabarett schreibe ich mir die Rolle auf den Leib. 

Wobei Sie auf der Bühne bewusst auf eine Bühnenfigur verzichten. Wie viel privater Gery Seidl ist immer dabei?
Der ganze! Authentizität ist meine größte Stärke, ich erzähle nur Geschichten, stelle Fragen etc., die man mir auch abnimmt und hinter denen ich stehe. Auch in meinem lieben Kurt“ auf der Bühne steckt eine große Portion von mir. Ich bin mir nicht zu schade, in meiner dümmsten Rolle selbst vorzukommen. Was nicht authentisch ist, ist meine Bühnenfrau Andrea. Aber das sei mir verziehen. Ich möchte nicht nur Werkzeug meines Textes sein, sondern als ganze Person auf der Bühne präsent.

Was macht guten Humor für Sie aus?
Ich mag keine Bewertungen. Ich selbst mag es, wenn Dinge auf den Punkt gebracht werden. Das kenne ich aus meiner Zeit als Bauleiter – mit den Menschen reden, die direkt an der Sache dran sind. Fragen stellen, Dinge hinterfragen. Ich mag es, wenn es am Puls der Zeit ist und wenn es menschelt. Da wird es interessant. Urlaub am Meer, in den Bergen oder zu Hause bleiben … allein diese Frage wirft in einer Familie eine riesige Geschichte auf. So was mag ich. Und wenn jemand authentisch ist – vom Schauspieler bis zum Installateur –, bin ich absolut Fan von.

Und gibt es auch ein absolutes ‑No-Go in Sachen Humor für Sie?
Humor, der verletzt, geht gar nicht! Max Reinhardt meinte schon, Theater ist nicht Verstellung, sondern Enthüllung. Wobei es aktuell wirklich schwierig ist, diesen beiden Credos gerecht zu werden. Alles, was nicht Mainstream ist, wird gestrichen. Natürlich bin ich auch sensibler, aber nicht feiger geworden. Und wenn man heute anspricht, dass es 72 anerkannte Geschlechter gibt und man selbst schon mit zwei überfordert ist, geht schon ein Raunen durchs Publikum. Dabei ist es meiner Meinung nach gerade so wichtig, dass Kabarett die Möglichkeit bietet, Fragen zu stellen und somit auch den Druck aus Diskussionen zu nehmen. Ein Aufeinanderzugehen und gegenseitiges Zuhören zu ermöglichen.

Sehen Sie darin die Aufgabe, die Chance von Kabarett?
Ja! Die Verantwortung hat die Politik, aber wir sind Multiplikatoren und erreichen mit einem Abend oft über 1.000 Leute. Das ist viel. Die Aufgabe unserer Generation ist es, die Welt wenigstens nur halb so gut zu hinterlassen, wie sie ist. Und vor allem wach zu sein.

Ich mag es, wenn es am Puls der Zeit ist und wenn es menschelt. Da wird es interessant.”

Wie wichtig ist Ihnen der direkte Kontakt zum Publikum?
Sehr! Ich gehe gern nach der Vorstellung noch vor den Vorhang und unterhalte mich mit den Besuchern, tausche mich aus – was hat gefallen, was nicht? Wie sehen andere Meinungen aus? Das ist mir viel wichtiger als Social Media, da gehen Stunden des Lebens drauf. Außerdem gibt es mittlerweile auf Facebook etwa drei Fake-Accounts von Gery Seidl, die sich als ich ausgeben. Da hat man gar keine Kontrolle drüber, und ich kann nur hoffen, diese Menschen haben privat was Besseres zutun.

Bühne, TV oder Filmset. Wo fühlen Sie sich am wohlsten?
Das hat alles für mich seine eigene Qualität. Beim TV muss dein Gesicht auf 76 Zentimeter Bildschirmgröße funktionieren. Da wird der Aktionsradius natürlich kleiner. Als Teil einer Sendung musst du natürlich ein Format bedienen. Optimal ist, wenn das eigene Programm abgefilmt wird. Oder Ende 2024 drehen wir mein Programm Aufputzt is“ als Kinofilm. Das ist natürlich auch extrem spannend, und da freue ich mich schon drauf.

Sind Sie ein Genussmensch?
Mit meinem Hund genieße ich sehr gern die Natur. Tisch reservieren, Hotel buchen oder so ist noch ausbaufähig. Aber ich lerne, bewusst zu genießen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Short Facts

Gery Seidl, 1975 in Wien geboren, nahm Schauspielunterricht bei Herwig Seeböck, bevor er 2003 das erste Mal auf der Kabarettbühne stand. 
Darauf folgten unzählige Programme und TV-Auftritte. 2024 wird er beim Kabarettfestival in Wien wieder dabei sein. 
geryseidl​.at, wienerkabarettfestival​.at

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